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André Sander

Goldpartner-Interview: Terminologien einführen will gut überlegt sein

27. Januar 2020 –Die Digitalisierung des Gesundheitswesens wird politisch kräftig vorangetrieben. Doch wenn es vernetzte IT-Lösungen geben soll, die effizient arbeiten, dann müssen sich die unterschiedlichen Systeme auch gegenseitig verstehen. André Sander, Entwicklungsleiter Software und Mitglied der Geschäftsführung bei ID, warnt vor blindem Vertrauen in die Transformationskraft von Terminologien. Nur wer weiß, was er tut, wird große Früchte ernten.

Die Gesundheitspolitik hat sich die Digitalisierung auf die Fahnen geschrieben. Ein Thema, das dabei immer wieder auftaucht, sind Terminologien. Warum braucht ein Gesundheitswesen Terminologien?

Die Medizin ist komplex, und deswegen gibt es in einem digitalen Gesundheitswesen verschiedene IT-Systeme. Wenn die effizient ohne Reibungsverluste kommunizieren sollen, sind Terminologien zwingend nötig. Natürlich lassen sich IT-Systeme auch ohne Terminologien vernetzen. Aber dann können sie sich nicht vernünftig austauschen, weil sie keine einheitliche Sprache sprechen. Das Ergebnis ist spektakuläre Ineffizienz: Es gibt Untersuchungen an Unikliniken, die zeigen, dass Ärzte teilweise 60 Prozent ihrer Zeit am Rechner sitzen. Das liegt auch an fehlenden Terminologien.

In der deutschen Diskussion werden internationale Terminologien gefordert. Warum internationale?

Das ist weniger einfach zu beantworten. Wenn wir von nationalen Gesundheitssystemen ausgehen, gibt es dafür im reinen Versorgungskontext keinen zwingenden Grund. Internationale Terminologien sind nötig, wenn IT-Systeme grenzüberschreitend verknüpft werden sollen oder wenn es darum geht, Kollegen aus anderen Ländern digital einzubeziehen. Auch in multilingualen Konstellationen sind sie nützlich. Außerdem profitiert die Forschung. Auf nationaler Ebene ist es aber nicht das Fehlen einer internationalen Terminologie, das den Datenaustausch erschwert. In Deutschland zum Beispiel sind es eher die komplexen Datenschutzregularien.

Von vielen Seiten wird gefordert, auch in Deutschland SNOMED CT als einheitliche, internationale Terminologie zu nutzen. Zumindest begeben sich viele andere Länder auf diesen Weg.

Es schadet nicht, etwas genauer hinzusehen. Die Schweiz und Österreich sind Mitglied geworden. Beide Länder haben große Probleme bei der Übersetzung. Es bringt ja nichts, eine Terminologie zu kaufen, die in Englisch vorliegt. Sie muss übersetzt werden, auch die Algorithmen müssen angepasst werden. Und leider sind Algorithmen, die mit deutscher Sprache umgehen, komplexer sind als zum Beispiel englische. Eine interessante Frage ist auch, warum Frankreich als das zweite große Gesundheitswesen in Europa nicht bei SNOMED CT mitmacht. Es gibt Untersuchungen in Norwegen, wo die Kosten bei der Adaptation explodieren. Auch in anderen skandinavischen Ländern ist der Aufwand groß. Das heißt nicht, das SNOMED CT schlecht ist, ist es nicht, aber wir sollten vor einer Einführung klären, was genau besser werden soll. Es geht ja auch um Rahmenbedingungen. In den USA gibt es Förderprogramme mit riesigen Geldbeträgen. Das fehlt in Deutschland. Es stellt sich schon die Frage, warum etwas sehr Teures eingeführt werden muss, wenn der Nutzen unklar ist.

ID ist ein Marktführer für Terminologien. Was ist aus Ihrer Sicht eine sinnvolle Vorgehensweise?

Unsere Alternative lautet Pluralität von Terminologien. Genau eine Terminologie einzusetzen ist letztlich eine religiöse Herangehensweise. SNOMED CT alleine reicht nicht. Zum einen kratzt es in vielen Bereichen nur an der Oberfläche. Es sind also zusätzlich spezialisierte Terminologien nötig, die parallel genutzt werden. Damit das funktioniert, braucht es Terminologieserver, wie sie ID anbietet. Der zweite Punkt ist die Sprache. Wenn deutsche Texte verarbeitet werden sollen, braucht es eine deutsche Terminologie. Die gibt es im Fall von SNOMED CT nicht, wohingegen unsere auf Deutsch verfügbar ist. Das Problem beim Verarbeiten deutscher Freitexte ist nicht, eine Terminologie zu finden, sondern die deutsche Sprache verstehbar zu machen.

Das letztliche Ziel sind nützliche Anwendungen. Was können Terminologien leisten?

Mit Terminologien und darauf basierenden Ontologien lassen sich regelbasierte, intelligente Systeme erstellen, die eine ärztliche Entscheidungsunterstützung auf Basis von Freitext bereitstellen. An solchen Lösungen arbeiten wir bei ID seit Langem. So kann zum Beispiel auf inadäquate Medikamente hingewiesen werden. Regelbasierte Systeme haben im Vergleich zu reinen Deep Learning Algorithmen den Vorteil, dass sie auch bei extrem seltenen Dingen adäquate Vorschläge machen können. Es gibt übrigens viele KI-Anbieter, die nicht nur mit Maschinenlernen, sondern unter der Haube zusätzlich mit Terminologien und Ontologien arbeiten. Das macht auch viel Sinn.

Welchen Fokus setzt ID bei der DMEA?

Wir zeigen das ganze Spektrum unserer terminologiebasierten Anwendungen und konzentrieren uns dabei auf die Dinge, die für die Krankenhäuser notwendig und in den derzeitigen IT-Infrastrukturen heute schon machbar sind. Die fallbegleitende Codierung ist dafür sicher das prägnanteste Beispiel. Mit ihr lässt sich die Dokumentation, die bei der Patientenbehandlung entsteht, noch während des Klinikaufenthalts semantisch interpretieren und zur Unterstützung der Abrechnung nutzen. Das ist enorm hilfreich. Wir informieren bei der DMEA auch über verschiedene medizinische Use Cases, die wir im Rahmen der Medizininformatikinitiative bereits umgesetzt haben, etwa die Erkennung spezifischer Wirkstoffe im Rahmen des Atemnotsyndroms bei Erwachsenen. Es geht bei uns also von der reinen Abrechnungsunterstützung klar in Richtung klinische Entscheidungsunterstützung.

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