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Presse-Information

10. April 2019

Schluss mit der Zettelwirtschaft?

Digitalisierung im Krankenhaus finden im Grunde alle gut. Allein: Es hapert an der Umsetzung. Warum hinkt das deutsche Gesundheitswesen hinter den europäischen Nachbarn her? Wo hängt es und was wäre zu tun? Darüber diskutierte eine Expertenrunde auf der DMEA.

Warum kommen wichtige Projekte oft nur langsam voran? Manchmal weil vermeintlich Banales im Wege steht. Zum Beispiel die Frage: Zu welcher Uhrzeit setze ich eine IT-Schulung an? „Wenn ich der Krankenhausleitung mitteile, ich brauche die Ärzte einer Klinik zu einer Software-Schulung, dann bekomme ich wütende Anrufe aus der Direktion, ob ich eigentlich wüsste, wie viele Operationen da anstehen“, berichtet Angela Krug, Vizepräsidentin des Verbands der Krankenhausdirektoren (VKD). „Setze ich die Schulung stattdessen am Nachmittag an, bekomme ich wütende Anrufe von Ärzten, die sagen: Da habe ich aber Feierabend!“

„Digitalisierung im Krankenhaus – Schluss mit der Zettelwirtschaft!“, lautete der optimistische Titel eines Diskussionspanels auf der DMEA. Die Expertenrunde machte indes schnell deutlich: Auch wenn die meisten den Wunsch teilen, von der praktischen Umsetzung ist Deutschland noch weit entfernt. Woran es fehlt? An Zeit, an Geld, am Austausch zwischen KIS-Herstellern, Ärzten und Pflegenden, an föderalen und kleinteiligen Strukturen.

Und manchmal auch überhaupt am Verständnis dafür, dass die Digitalisierung der Krankenhäuser ein fortlaufender Prozess ist, der sich nicht in einmaligen Hauruck-Aktionen umsetzen lässt, sondern neue Prozesse, Strukturen, Denkweisen und einen langen Atem erfordert. Grundsätzlich würden sich auch die Pflegenden in Krankenhäusern mehr Digitalisierung wünschen, sagt Angela Krug. Aber dafür müssten sie auch geschult werden. „Das kann man nicht neben der Arbeit machen, dafür fehlt in der Politik noch gänzlich das Verständnis.“

Ähnlich sieht das Jan Neuhaus, Geschäftsführer des Dezernats III für IT, Datenaustausch und eHealth der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Allein um die alte Infrastruktur der Krankenhäuser zu überarbeiten, wären in den kommenden acht Jahren bis zu 1,08 Milliarden Euro notwendig. Aber danach gehe es ja weiter: mit Schulungen, Systempflege und Erweiterungen. „Es reicht ja nicht, die Systeme zu installieren. Wir brauchen eigentlich einen Digitalisierungszuschlag on top auf die Erlöse, um den Anschluss zu schaffen an die Krankenhäuser in den europäischen Nachbarländern.“ In deutschen Krankenhäusern würden zurzeit ein bis zwei Prozent des Umsatzes in die IT investiert. „In den Ländern ringsum fängt das bei vier Prozent an.“

Aber häufig liege es auch an den Krankenhäusern selber, sagt Stefan Georgy, Chief Digital Officer im Klinikum Ernst von Bergmann. „Innerhalb der Organisation muss man die nötige Governance haben: Ein Direktor muss dieses Thema auch bedienen und ein Vorbild sein.“ Sein Klinikum entwickle gerade mit einem Anbieter ein System, um den Patienten bei der Entlassung nicht nur den Arztbrief, sondern auch Befundwerte mitzugeben. „Wir machen den Schritt hin zum Bett“, berichtet Georgy. Schon an den Betten würden Tablets verteilt, und viele Patienten wünschten sich das auch.

Zu viel Transparenz sei aber auch nicht überall willkommen, berichtet Jörg Marquardt vom Stakeholder Management der gematik. „Organisationen können sich nur verändern, wenn sie veränderungswillig sind. Das ist manchmal schwierig, denn Digitalisierung schafft Transparenz.“ Da stehe nicht jeder hinter. Ein weiteres Hindernis sei immer noch die fehlende Interoperabilität der Anwendungen: „Ich wünsche mir von der Industrie, dass die Systeme sich austauschen können.“

Alleine in seinem Klinikum gebe es 150 Konnektoren, betont Stefan Georgy. Komplexe IT erfordere auch eine komplexe Infrastruktur, die einen Riesenaufwand bedeute – was aber nicht Kernaufgabe eines Krankenhauses sein sollte. „Ich hätte mir gewünscht, dass wir deutschlandweit ein Rechenzentrum dafür bekommen.“ Er freue sich darauf, die IT für Medikationspläne bereitzustellen, aber er wolle nicht im Krankenhaus auch noch die gesamte Infrastruktur haben. Das sei eine Aufgabe für Profis von außen.