„Die Anforderungen ändern sich“
Klinikinformationssysteme (KIS) werden dank KI intelligenter und orientieren sich in Richtung Cloud, sagt Winfried Post. Bei der DMEA zeigt der KIS-Marktführer Dedalus, wie das aussieht.

Winfried Post, General Manager und Vorsitzender der Geschäftsführung von Dedalus HealthCare DACH. Foto: Dedalus
Ein KIS aus der Cloud, das galt im deutschsprachigen Raum lange Zeit als schwierig. Dedalus zeigt bei der DMEA 2026 anhand eines Beispiels, dass es geht. Was haben Sie genau gemacht?
Es gibt schon länger einzelne Klinikanwendungen, die in der Cloud laufen, Spracherkennung zum Beispiel. Aber ein ganzes KIS in die Cloud zu bringen, das ist im deutschsprachigen Raum noch immer ungewöhnlich. Wir haben das jetzt im Heilig-Geist-Hospital Bingen mit unserem KIS ORBIS und weiteren Anwendungen wie unserem Archivsystem HYDMedia sowie Schnittstellen zu Fremdsystemen realisiert. Anfang Januar startete der Echtbetrieb. Umgesetzt haben wir dieses Projekt innerhalb von 6 Monaten mit der Asklepios IT GmbH auf Basis der Cloud von AWS, die im Hyperscaler-Segment unser Exklusivpartner sind. Auch wenn Bingen ein kleineres Krankenhaus mit 132 Betten ist, war das ein großer Schritt für alle Beteiligten.Im April dieses Jahres wird es den nächsten etwas größeren ORBIS-Kunden geben, der ORBIS und weitere Anwendungen aus der AWS Cloud beziehen wird. Wir haben universitäre Kunden, die am Thema Cloud-KIS konkretes Interesse haben.
Was haben die Krankenhäuser davon, wenn ihre IT komplett oder größtenteils in der Cloud ist?
Sie benötigen dann nur noch sehr wenig lokale Infrastruktur. Das Gesamtsystem ist flexibler und kann besser skaliert werden, was in Zeiten, in denen Krankenhäuser fusionieren, umstrukturieren und sich regional vernetzen, sehr wertvoll sein kann. Die Anforderungen ändern sich, teils in Windeseile, und mit einem Cloud-KIS können die Kunden darauf schneller reagieren. IT-Security ist eine weitere Stärke der Cloud. Das Thema Sicherheit wird komplett ausgelagert, und die Systeme sind immer auf dem neuesten Stand. Auch die Verfügbarkeit ist bei Cloud-Installation in der Regel besser als bei On-premise-Installation. Ich sehe außerdem zunehmend Vorteile bei der Hardware, denn bei KI-Rechenzentren explodieren die Hardware-Preise gerade. Ihre ganze Stärke spielen Cloud-Installationen natürlich in Verbindung mit Managed Services-Verträgen aus. Bei uns heißt das Dedalus Managed Cloud Services. Ich bin überzeugt, dass das die Zukunft ist. Und diese Zukunft werden wir auf der DMEA zeigen.
Stichwort KI-Rechenzentren: KI-Tools halten zunehmend Einzug in die KIS-Welt. Was hat Dedalus bei der DMEA 2026 in Sachen KI im Gepäck?
Eine ganze Menge, und zwar reden wir da nicht mehr über Pilotierungen, sondern über marktreife Tools auf Basis von großen Sprachmodellen (LLMs), die wir regulär anbieten können. Ein wichtiges Thema dabei: Sprache. Unser ORBIS Speech Assistant, den wir gemeinsam mit Corti entwickelt haben, hört bei Arzt-Patienten-Gesprächen mit und transkribiert die Anamnese – und zwar direkt in die entsprechenden Felder im ORBIS KIS. Das ist eine große Entlastung, und ermöglicht es Ärztinnen und Ärzten oder auch Pflegekräften, besser auf die Patienten einzugehen. Das lässt sich ausbauen für andere Szenarien jenseits der Anamnese, etwa Befundungen. Wir zeigen auf der DMEA außerdem unsere KI-gestützte Epikrise, ebenfalls ein marktreifes Produkt, und unseren ORBIS Buddy, ein LLM-basierter Chatbot, der es erlaubt, medizinische Wissensportale abzufragen. Thieme und Elsevier sind hier zwei Partner, wir sind offen für weitere Kooperationen. Diese Funktionen erweitern wir kontinuierlich und expandieren auch aktive Aktionen, die der ORBIS Buddy durchführen kann. Somit wird der Chatbot mehr und mehr zu einer Hilfe im Alltag für das medizinische Personal. Auch für die Codierungsunterstützung nutzen wir zunehmend LLM-basierte Tools. Und im Bereich des digitalen Bildarchivs (PACS) haben wir mit DeepUnity Synopsis ein neues Produkt im DMEA-Gepäck, das wir gerade bei der RSNA-Tagung in Chicago gelauncht haben. Damit können Radiologinnen und Radiologen sich per LLM eine Zusammenfassung der kompletten Patientenhistorie generieren lassen.
Sind regelbasierte Entscheidungsunterstützungssysteme out?
Keineswegs. Wir nutzen sowohl LLM-basierte als auch regelbasierte Tools und überlegen uns bei jedem Szenario, was die am besten geeignete Herangehensweise ist. In diagnostischen oder therapeutischen Kontexten haben regelbasierte Tools klare Vorteile. Wir gehen hier mit clinalytix Medical AI ins Rennen – schon länger übrigens. Das ist ein Klasse IIa-zertifiziertes Medizinprodukt für eine klinische Entscheidungsunterstützung, zum Beispiel Prädiktion von Sepsis oder akutem Nierenversagen. Wir nutzen regelbasierte Systeme auch für Scorings aller Art, zum Beispiel die automatische Ermittlung des National Early Warning Score NEWS 2, bei dem es um die Beurteilung des Schweregrads von Erkrankungen in der Notaufnahme geht.
Dedalus ist der größte KIS-Anbieter im DACH-Raum. Was treibt Sie derzeit besonders um?
Der ganze Bereich Ambulantisierung, das gilt für alle KIS-Anbieter. Ambulantisierung wird auch bei der DMEA ein großes Diskussionsthema sein, zumal die Krankenhausreform den Druck in diese Richtung nochmal verstärken wird. Da werden teilweise ganze Standorte umgewandelt -echte Standortschließungen sehen wir dagegen noch nicht sehr viele. Ein wichtiges Thema für viele unserer Kunden sind auch Medizinische Versorgungszentren (MVZ). Die ambulante Abrechnung haben wir komplett integriert. Darüber hinaus überlegen wir aktuell, wie wir speziell auf MVZ-Bedürfnisse in Zukunft noch besser eingehen können.
Eine Großbaustelle im stationären Krankenhaus-IT-Markt ist weiterhin die großflächige Ablösung der SAP-basierten Systeme. Wir wirkt sich das auf Dedalus aus?
Was das Personal angeht, stellen wir weiterhin in großem Umfang ein. Was gar nicht so einfach ist. Wir beteiligen uns nicht an allen Ausschreibungen, aber doch an einer ganzen Menge. Ein Highlight war sicher das Klinikum Nürnberg, wo wir die Umstellung von SAP bzw. i.s.h.med auf ORBIS innerhalb von nur 14 Monaten bewältigt haben. Das war schon eine große Leistung. Im Juli wird das Uniklinikum Erlangen in den Echtbetrieb gehen, auch das ein Riesenprojekt. Wir haben in diesem Zusammenhang während der vergangenen Monate zudem die Ausschreibungen einiger großer Klinikverbünde gewonnen: Westmünsterlandkliniken (IS-H), Diakonie Kliniken Bad Kreuznach (ISH, i.s.h.med) und die Mavie Med Privatkliniken in Österreich (IS-H). Dass wir bei solchen Ausschreibungen jetzt auch mit dem einen oder anderen neuen Anbieter konkurrieren, spornt uns an. Ein bisschen frischer Wind kann dem Markt nur guttun. Wir sehen uns die neuen Lösungen auch sehr genau an, denn wir haben natürlich auch als langjähriger Marktführer den Ehrgeiz, künftig noch besser zu werden. Auch deswegen freuen wir uns auf die DMEA!