„Ich erwarte innovative Lösungen“
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken treibt die Digitalisierung des Gesundheitswesens voran. Im D.mag-Interview skizziert sie ihre Pläne und Erwartungen an die Digital-Health-Branche.

Foto: Tobias Koch
Das BMG hat im Februar die aktualisierte Digitalisierungsstrategie vorgelegt und dafür gute Noten bekommen. Was sind für Sie persönlich die Kernbotschaften?
Wir haben gemeinsam mit vielen Akteuren aus dem Gesundheits- und Pflegewesen die Digitalisierungsstrategie noch einmal weitergedacht. Das System hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert. Fest steht: Wir müssen die Strategie anpassen, um aktuelle Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung klarer zu fassen und neue Entwicklungen aufzugreifen. Dazu zählen etwa der Aufbau des Europäischen Gesundheitsdatenraums und die Fortschritte sowie das damit verbundene wachsende Potential im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Unser Ziel ist es, digitale Anwendungen noch stärker in den Versorgungsalltag zu integrieren, damit mehr Menschen von den Vorteilen spürbar profitieren. Die ePA ist und bleibt dabei das zentrale Element der modernen Gesundheitsversorgung. Sie soll auch mit Blick auf das geplante Primärversorgungssystem für Versicherte noch attraktiver werden und eine Reihe neuer Anwendungen erhalten.
Die Strategie betont an vielen Stellen die Bedeutung der elektronischen Patientenakte. Wie kann erreicht werden, dass die ePA auch patientenseitig stärker genutzt wird?
Bisher nutzen vor allem diejenigen die elektronische Patientenakte, die eine Krankheitsgeschichte haben.
Wir möchten, dass sie allen Versicherten einen spürbaren Mehrwert bietet. Unser Ziel sind rund 20 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer bis zum Jahr 2030. Dafür werden wir die ePA weiterentwickeln und beispielsweise Terminvermittlungen oder E-Überweisungen als Anwendungen einbinden. Zudem bauen wir Hürden wie die der Authentifizierung ab. Mit dem Video-Ident-Verfahren vereinfachen wir bereits jetzt die erste Anmeldung. In Zukunft soll auch die Nutzung der Smartphone-App EUDI-Wallet hinzukommen. So machen wir den Zugang einfacher und die ePA so nutzerfreundlich und attraktiv, dass sie zum Alltag in der Gesundheitsversorgung dazugehört.
OpenAI und Co haben in den USA spezielle KI-Tools für Gesundheitsdaten präsentiert. Auch die Digital-strategie adressiert „KI in der ePA“. Wie könnte ein sinnvoller KI-Einsatz in der ePA aussehen?
Die ePA als zentrales Versorgungselement bietet enormes Potenzial für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, natürlich immer unter der Wahrung rechtlicher Vorgaben und des Datenschutzes. Im Klinikalltag können etwa Entlassungsbriefe mit Hilfe von KI geschrieben und anschließend direkt in die ePA übertragen werden. So stehen sie ohne Zeitverzug für die nachbehandelnden Ärztinnen und Ärzte zur Verfügung, die wiederumim eigenen Praxisverwaltungssystem Informationen aus der ePA entnehmen und selbst erhobene Daten mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz einpflegen können. KI-gestützte Dokumentation bietet viele Möglichkeiten, die wir zur Entlastung des Personals breiter zum Einsatz bringen wollen. Denkbar sind auch KI-Anwendungen in der ePA selbst – zur Aufbereitung von Informationen für die Versicherten oder Vorstrukturierung von Daten. Wichtig ist vor allem, dass KI dort eingesetzt wird, wo sie nachweislich Mehrwert stiftet, ohne die ärztliche oder pflegerische Verantwortung zu ersetzen.
Die Roadmap der gematik für die Telematikinfrastruktur enthält das Thema KI in der ePA bisher noch nicht. Inwiefern muss die Roadmap mit Blick auf die neue Digitalstrategie aktualisiert werden?
Die gematik hat uns bei der Erarbeitung der Strategie intensiv begleitet und mit Expertise unterstützt. Diese enge Zusammenarbeit setzen wir bei der Umsetzung fort. Das heißt konkret, dass wir uns anschauen, wo wir noch nachschärfen müssen in der Roadmap. Klar ist, dass die betroffenen Akteure in diesem Zusammenhang möglichst frühzeitig eingebunden werden. Denn so eine Strategie kann am Ende nur funktionieren, wenn alle von Anfang an mit am Tisch sitzen.
Was die medizinische Versorgung angeht, betont die Strategie das Motto „digital vor ambulant vor stationär“. Wie könnte das im Rahmen des von Ihnen geplanten Primärversorgungssystems umgesetzt werden?
Digitalisierung soll im Rahmen des Primärversorgungs-systems eine Kernkomponente sein, um ambulante Versorgung moderner und effizienter zu gestalten. Die Überweisung als einen der heute noch letzten vollständig analogen Prozesse in der Arztpraxis wollen wir durch die elektronische Überweisung ersetzen. Die Digitalisierung wird die Versorgung der Patientinnen und Patienten verbessern und die Arbeit der Leistungserbringer vereinfachen, indem wir einen guten Informationsfluss zwischen Haus- und Facharztpraxis sicherstellen. Das wird beim Primärversorgungssystem ein entscheidender Faktor sein. Ebenso wird die digitale Terminvermittlung ein wichtiges Tool werden, das nicht nur Patientinnen und Patienten den Weg in die ärztliche Versorgung erleichtert, sondern auch die Arztpraxen entlastet. Die Grundlage dafür schaffen wir im kommenden Digitalgesetz sowie im Gesetz zum Primärversorgungssystem.
Bei der Gesundheitsdatenforschung wurde mit dem FDZ Gesundheit ein zentraler deutscher Daten-Hub etabliert. Wie wird daraus ein flexibles Datenökosystem, welches beispielsweise das KI-Training beherrscht?
Mit dem Forschungsdatenzentrum Gesundheit haben wir eine wichtige zentrale Infrastruktur für Forschung und Versorgung geschaffen, welche sehr gut angenommen wird und in die hohe Erwartungen gesteckt werden. Das zeigen die stetig steigenden Nutzerzahlen. Fast 90 Institutionen sind bereits im FDZ Gesundheit registriert, kürzlich wurden vom GKV-Spitzenverband die ersten Anträge vollständig bearbeitet. Dabei soll es nicht bleiben. Wir werden das FDZ Gesundheit weiter ausbauen und die Datennutzung verbessern und es somit KI-kompatibel machen. Gleichzeitig schließen wir nationale Gesundheitsdateninfrastrukturen an den Europäischen Gesundheits-datenraum an, sodass Gesundheitsdaten auch in Deutsch-land verknüpfbar werden. Zudem werden wir die Voraus-setzungen schaffen, dass die Daten für das Training von Künstlicher Intelligenz genutzt werden können. Unser Ziel ist dabei klar: bessere und transparentere Versorgung, fundierte politische Entscheidungen und neue Innovations-potenziale für Forschung und Industrie.
Welchen Stellenwert haben ressortübergreifende Digitalisierungsprojekte der Bundesregierung für das Gesundheitswesen, konkret EUDI Wallet und Deutschland-Stack?
Die Smartphone-App EUDI-Wallet und die Technologie-Plattform Deutschland-Stack sind ressortübergreifende Digitalisierungsprojekte, die wir als BMG aktiv unter-stützen und soweit wie möglich auch für die Digitalisierung im Gesundheitswesen nutzen wollen. Dafür stimmen wir uns eng mit der gematik und natürlich dem federführenden Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung ab. Wichtig ist, dass wir hier technisch nicht nebeneinanderher arbeiten und keine Doppelstrukturen aufbauen. Konkret wollen wir die GesundheitsID technologisch so weiterentwickeln, dass sie mit der EUDI-Wallet vereinbar ist. Im ersten Schritt geht es dabei um die sichere Authentifizierung mittels GesundheitsID. Perspektivisch soll es möglich sein, sich mit der EUDI-Wallet in einer Arztpraxis anzumelden oder auf die ePA zuzugreifen. Deren Nutzung wird natürlich freiwillig sein, ich bin aber davon überzeugt, dass sie bei Bürgerinnen und Bürgern auf breite Akzeptanz stoßen wird.
Die DMEA 2026, bei der das BMG die Schirmherrschaft übernommen hat, wird wieder rund 20.000 Menschen zusammenbringen, die sich für ein digitales Gesundheitswesen starkmachen. Was wünschen Sie sich konkret von der Gesundheits-IT-Industrie in Deutschland?
Die Digitalisierung unseres Gesundheits- und Pflegesystems kann nur funktionieren, wenn alle zum Gelingen beitragen. Aus diesem Grund haben wir die Digitalisierungsstrategie gemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren aus dem Versorgungsalltag und der Gesundheits-IT-Industrie entwickelt. Über 1 000 Organisationen und Personen haben ihre Ideen und Perspektiven eingebracht, das allein zeigt das große Interesse und die Bereitschaft, an diesem Prozess mitzuwirken. Das stimmt mich mit Blick auf den weiteren gemeinsamen Weg optimistisch. Klar ist aber auch: Die Digitalisierung ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit unseres Gesundheitssystems. Daher erwarte ich von der Industrie innovative Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit, die sowohl sicher als auch nutzerfreundlich sind. Für Krankenhäuser, Arztpraxen und Pflege gleichermaßen wie für Versicherte. Grundlage ist natürlich eine verlässliche Technik, insbesondere bei der Telematik-infrastruktur brauchen wir mehr Stabilität.