„In komplexen Versorgungslandschaften macht KI einen Unterschied“
Krankenhaus-IT steht vor neuen Anforderungen: KI, Cyber-Bedrohungen und struktureller Wandel prägen die Agenda. Wie die NEXUS AG darauf reagiert, erläutern Daniel Heine und Tobias Schlecht.

Tobias Schlecht und Daniel Heine im DMEA-Interview. Foto: nexus AG
Künstliche Intelligenz hält im Krankenhaus Einzug. Das wird sich auch bei der DMEA 2026 zeigen. Welche KI-Strategie hat NEXUS?
Tobias Schlecht: Künstliche Intelligenz ist als Thema natürlich nach wie vor omnipräsent. Bei NEXUS integrieren wir KI-Funktionen gezielt in unsere Informationssysteme, etwa den NEXUS / AI-ASSISTANT oder die Lösungen der Medical AI, die seit 2025 zur NEXUS-Gruppe gehört. Im Fokus steht derzeit der Arztbrief. Wir haben unsere Kunden befragt, welche KI-Tools sie sich auf ärztlicher Seite wünschen. Und da landete der KI-Arztbrief mit sehr deutlichem Ergebnis auf Platz eins. Den zeigen wir jetzt bei der DMEA. Neben den starken NEXUS-Eigenentwicklungen bieten wir über unsere KI-Plattform spezialisierten Anbietern die Möglichkeit, KI-Tools für bestimmte Aufgabenstellungen einzubringen. Auch da hat sich auch einiges weiterentwickelt. In der Radiologie hat es sich bewährt, leistungsfähige externe KI-Lösungen über eine Plattform anzubinden. Dieser Ansatz macht auch in anderen, hochspezialisierten Bereichen Sinn.
Daniel Heine: Und wir integrieren unsere eigenen sowie weitere KI-Assistenten nicht nur in unser KIS, sondern auch in andere Informationssysteme, beispielsweise in unser Patientendatenmanagementsystem (PDMS). Nach erfolgreicher Zertifizierung nach DIN ISO 13485 erfüllen die KI-Lösungen der Medical AI zur klinischen Entscheidungsunterstützung die regulatorischen Anforderungen an Medizinprodukte. Gleichzeitig profitieren wir im Bereich KI von unserem starken Fokus auf den professionellen Rechenzentrumsbetrieb, der den stabilen und sicheren Einsatz von KI-Assistenten in größerem Maßstab ermöglicht. Ergänzt wird dies durch unser integriertes Clinical Data Repository, das relevante klinische Daten systemübergreifend und effizient zur Verfügung stellt.
Stichwort Rechenzentrum: Der Trend zum Cloud-Betrieb hält an?
Daniel Heine: Die Nachfrage steigt, aber das ist eher Evolution als Umbruch. Wir haben unsere Produkte Cloud-fähig gemacht, aber gleichzeitig lassen wir den Kliniken auch die Flexibilität, die sie brauchen. Wir haben Kunden, bei denen läuft das NEXUS / KIS regulär in der Public Cloud, bei unterschiedlichen Cloud-Anbietern. Wir haben Kunden, die Hybrid-Modelle nutzen. Wir werden auch künftig klassische Installationen brauchen, schon um die Stammdaten zu pflegen. Deswegen sind flexible Lösungen wichtig.
Im Rahmen der Ablöse von SAP IS-H erneuern derzeit viele Krankenhäuser ihr KIS. Wie kann NEXUS hier punkten?
Daniel Heine: Krankenhäuser entscheiden sich in Ausschreibungen für NEXUS, weil unser Fokus auf durchgängigen Prozessen und nicht auf isolierten Funktionen liegt. Dadurch wächst unser Kundenstamm überdurchschnittlich stark. 2025 haben wir elf weitere Häuser umgestellt, allein sieben in Berlin. Was uns zugutekommt, ist, dass wir einerseits modular arbeiten, andererseits bei Bedarf aber auch relativ viel aus einer Hand anbieten können. Dass wir ein eigenes und sehr leistungsfähiges PDMS haben, ist zum Beispiel ein Argument, mit dem wir punkten können. Eine durchgängige Stationskurve von der Zentralen Notaufnahme über Intensivstation, Aufwachraum und Normalstation bis zur Entlassung, das kann nicht jeder.
Tobias Schlecht: Abgesehen von den IS-H Ablösen erhalten wir seit Sommer 2025 auch vermehrt Anfragen im Rahmen von Restrukturierungsprojekten – also Krankenhäuser, die mehr ambulante Leistungen anbieten oder telemedizinisch über Standorte hinweg kooperieren wollen. Hier wirft die Krankenhausreform ihre Schatten voraus, und über den Krankenhaustransformationsfonds (KHTF) werden solche Projekte auch gefördert. Da sind wir mit unserem flexiblen und modularen Angebot gut aufgestellt. Und um den Bogen zurück zum Anfang zu schlagen: Hier können gut integrierte KI-Tools sehr hilfreich sein. Die vernetzten Versorgungslandschaften werden ja komplexer. Da können zum Beispiel KI-Lösungen, die auf korrekte Dokumentation und Abrechnung achten, einen echten Unterschied machen. Solche Tools lernen wir typischerweise im Rahmen einzelner Kundenprojekte an, um sie dann zu validieren und später breiter anzubieten.
Wie unterscheiden sich die aktuellen KHTF-Projekte von denen, die Sie in den letzten Jahren im Rahmen des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) umgesetzt haben?
Daniel Heine: Die sind deutlich individueller. Die Kliniken haben teils sehr konkrete Pläne. Manche bauen mit uns telemedizinische Fachlösungen auf, zum Beispiel ein Monitoring-Zentrum für Teleradiologie. Sie bringen dafür Fördermittel ein, aber brauchen Unterstützung bei der Umsetzung. Oder sie planen ein zentrales Konfigurationsmanagement-System, bei dem nicht mehr in jedem Haus die volle KIS-Administration erfolgt. Diese Individualität und Heterogenität macht die Beratung einerseits komplexer, gleichzeitig haben solche Projekte gute Chancen, einen echten Mehrwert zu bringen.
Nochmal zur DMEA: Auf welche Highlights im Gepäck wollen Sie besonders hinweisen?
Tobias Schlecht: Wir bringen zur DMEA ja unser ganzes Portfolio mit – und damit auch jede Menge Highlights. Über das Thema KI hatten wir schon gesprochen – das zieht sich konsequent durch alle Bereiche: von der Arztbriefschreibung über klinische Entscheidungsunterstützung und intelligentes Alerting bis zu Ambient Listening. Parallel entwickeln wir unser Web-KIS kontinuierlich weiter und ergänzen es um neue Module. Persönlich spannend finde ich dazu unser Ausfallsystem auf Basis eines FHIR-Stores. Den füttern wir mit allen Live-Daten aus dem KIS und halten diese für einen bestimmten Zeitraum vor. Wenn das KIS steht, zum Beispiel aufgrund eines Cyberangriffs, können die Kliniken dann auf diese Daten zugreifen und den Betrieb aufrechthalten. Der Ansatz ist nicht an das NEXUS / KIS gebunden, sondern lässt sich durch das Vorschalten eines FHIR-Filters auch auf Subsysteme wie das PDMS übertragen. Das ist technisch sauber gelöst und insgesamt sehr elegant. Im Labor decken unsere Lösungen sämtliche Fachbereiche ab. Neu präsentieren wir in der Transfusionsmedizin einen vollständig digitalen Blutspendeprozess. In der Frauenheilkunde und Geburtshilfe bilden wir inzwischen den gesamten Ablauf vom Kinderwunsch über die Schwangerschaft bis zur Geburt und darüber hinaus ab. In der Radiologie reicht das Spektrum von Portalen und Telemedizin bis hin zu KI-gestützten Workflows im RIS. Unterm Strich bringen wir zur DMEA nicht viele Einzellösungen mit, sondern ein Portfolio, das zeigt, wie moderne, vernetzte und zukunftsfähige IT im Gesundheitswesen heute aussehen kann.